Schutzbestrebungen

Bereits 1907 stellte der 1. Band der neuen Reihe der Österreichischen Kunsttopographie über den Politischen Bezirk Krems an der Donau die Wachau als Kulturlandschaft vor. Die Stellung unter Denkmalschutz des Melker Altstadt Ensembles im Dezember 2013 bildet vorerst ein Ende der lange währenden Tradition an Schutzbestrebungen für diese historische Kulturlandschaft. 1907 bis 2013: rund hundert Jahre lang engagieren sie die BewohnerInnen dieser Region kontinuierlich den Erhalt der unverwechselbaren Identität ihres Lebensraumes.

Die 30 km lange Flusslandschaft zwischen Krems an der Donau und Melk offenbart eine Jahrtausende währende Siedlungskontinuität, wie die Funde der Fanny vom Galgenberg, ca. 32.000 Jahre, und der Venus von Willendorf, ca. 30.000 Jahre, belegen. Seit der Römerzeit beziehungsweise seit Ende des 8. Jahrhunderts war das eng gewundene Donautal von strategischer und wirtschaftlicher Bedeutung und vor allem von der geistlichen Grundherrschaft geprägt – zahlreiche österreichische und bayerische Klöster besaßen in dieser Region Weingüter. (1)
Die Grundrisse der Orte verweisen teilweise noch heute auf die Römerzeit und geben der Bebauung ihr charakteristisches Aussehen. Die immer noch klar abgegrenzten Altsiedlungsbereiche sind nur in wenigen Ausnahmen aufgeweicht. Die Orte wirken aufgrund ihrer Geschlossenheit und ihrer gut erhaltenen Bausubstanz. Siedlungsstrukturen und überwiegend spätgotische Substanz sind anschaulich ablesbar, überlagern sich nicht und wurden bis dato nicht durch intensive Zersiedelung in ihrem Gefüge zerstört.(2)

Um 1900 wurde dieser Abschnitt des Donautales für den Fremdenverkehr entdeckt. Der mangelnde Anschluss an die Hauptverkehrsverbindungen hatte die malerische Flusslandschaft unberührt von der industriellen Revolution, idyllisch und in einem Art Dämmerzustand erhalten. Mit der Errichtung der Bahnlinie erhoffte man sich wirtschaftlichen Aufschwung, Unabhängigkeit von der Donauschifffahrt und eine Modernisierung der Infrastruktur für die Sommerfrische-Gäste.

Die Linienführung der 1908 bis 1909 errichteten sogenannten Wachaubahn von Krems nach Grein hält sich sorgfältig von den Ufern fern und fügt sich in die Landschaft ein. Der landschaftsschonende Bau erforderte dazu die Errichtung von sieben Tunnels, zahlreichen Brücken und Viadukten.(3) Zum ersten Mal in der Geschichte der k.u.k. Monarchie wurde bei der Projektierung einer Bahnlinie Rücksicht auf das Landschaftsbild und die historischen Ortskerne genommen, sofern es die technischen Erfordernisse zuließen.

Ausschlaggebend dafür war Erzherzog Franz Ferdinand, der den damals 30jährigen Architekten, Zeichner und Maler Ing. Rudolf Pichler (1874-1923) beauftragen ließ, anlässlich der politischen Begehung im Dezember 1904 Landschafts- und Denkmalschutz in die Planungen einzubeziehen. Pichler war Mitarbeiter der „K.K. Zentral-Kommission für Kunst- und historische Denkmale“, deren Ehrenmitglied der Erzherzog war. Pichler gelang es, die zu Beginn der Planung zur Diskussion gestandene Trassenführung entlang der Donau, abzuwehren. Im Anschluss daran konnte er in Stein, Dürnstein, Weißenkirchen, St. Michael, Spitz, Hinterhaus und Weitenegg eine Führung der Bahnlinie im Tunnel durchsetzen. Im Rahmen dieses Planungsprozesses fertigte Pichler von allen vom Abriss gefährdeten Baudenkmalen Zeichnungen an und fotografierte nach dem Bahnbau die neue Situation.(4) Erstmals in der Geschichte des Bahnbaus begegneten Denkmal- und Landschaftspflege den wirtschaftlichen, materiellen Interessen auf Augenhöhe. Die Bahnhöfe der Wachaubahn bilden heute noch landmarks in der Kulturlandschaft und zeichnen das architektonische Weichbild der Wachau aus.

Mit dem verstärkten Aufkommen von Kraftfahrzeugen zeigte sich bereits in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts die Problematik dieses Gebietes für den Verkehr in Form seiner verwinkelten und engen Straßen und Orte. So betrieb die nö. Landesregierung mit Beginn der allgemeinen Motorisierung ab 1954 den Neubau einer „Wachaustraße“ als „Ausflugsstraße und in einem Guß“. Die einfachste Lösung sah eine Straßenführung direkt entlang der Donau so gerade und gestreckt wie möglich vor. Besonders in Dürnstein und St. Michael erhob sich dagegen Widerstand. Die bereits begonnen Arbeiten wurden unterbrochen und die Trassenführung nochmals überdacht. So schlug man schließlich den Tunnel von Dürnstein und versuchte, die Straße in ihrer Linienführung möglichst in die Landschaft zu fügen.(5)

Auf Empfehlung des Präsidenten des Österreichischen Kunstsenates hin, Clemens Holzmeisters (1886-1983), wurde 1955 der Landschaftsarchitekt Alwin Seifert (1890-1972) – Schüler Theodor Fischers – mit einem „Gutachten über die Linienführung, die bauliche Gestaltung, die landschaftliche Eingliederung und die Bepflanzung der neuen Bundesstraße durch die Wachau“ beauftragt.(6)

Der Beschluss der österreichischen Bundesregierung im Jahr 1947, die Donau als Kraftwasserstraße mit einer Kette von Stauhaltungen auszubauen, bildete den Ausgangspunkt für zahlreiche Planungen von Donaukraftwerken. Gegenstand heftiger und intensiver öffentlicher Diskussion war dabei die ab dem Jahr 1971 geplante Errichtung eines Kraftwerkes in der Wachau, im Bereich zwischen Weißenkirchen und Dürnstein, Höhe Rührsdorf. Der Bau der Staustufe Wachau wäre für 1982 bis 1986 vorgesehen gewesen. Diese Pläne verursachten in der Bevölkerung derartigen Widerstand, dass man zum Schutz der Wachau den bis heute existierenden und verantwortungsvoll agierenden Arbeitskreis Wachau ins Leben rief. Um 1980 – nach intensivstem Bemühen seitens des Arbeitskreises – war der in der Öffentlichkeit akzeptierte Konsens erreicht, dass neben dem ursprünglichen Nutzungsziel des Donauausbaus zwischenzeitig die Erhaltung von Kulturlandschaften zu einer gleichwertigen Verpflichtung von öffentlichem Interesse geworden sei.(7) Seit dem Jahr 1983 steht die Errichtung einer Staustufe offiziell nicht mehr zur Diskussion. Folgerichtig wurden die Ensembles Weißenkirchen 1993/94, Dürnstein 1995 und Krems 2002 in wesentlichen Teilen unter Schutz gestellt. Die Eintragung der Kulturlandschaft Wachau mit Beschluss des Komitees für das Erbe der Welt 24COM X.C.1 zur Nr. 970 bildete einen weiteren markanten Faktor innerhalb der Schutzbestrebungen, in den sich das seit 2013 geschützte Altstadtensemble Melk nahtlos einreiht. 


(1)  S. Grün/ A. Zbiral, Studie zur Kulturlandschaft Wachau aus Sicht der Denkmalpflege – Kurzfassung, in: G. Hajós, Denkmal-Ensemble-Kulturlandschaft am Beispiel Wachau, Horn 2000, S. 245 (237-247), S. 243.

(2) W. Kitlitschka, Die Wachau – eine Kulturlandschaft von europäischem Rang, S. 93 (91-94), in: Arbeitskreis zum Schutz der Wachau (hrsg.), Wachau – Perspektiven einer europäischen Flusslandschaft, Krems 1995.

(3) C. Wöginger, Der Bahnbau, S. 10, in: Die Wachaubahn – 100 Jahre Schienenverkehr im Donautal, Spitz 2009. Anmerkung: Dies gesamte Länge beträgt 77 km, 66 km führen durch Nieder- und 11 km durch Oberösterreich, in Summe errichtete man 18 Tunnels und 10 Viadukte.

(4) W. Posch, Der Bau der Bahn Krems-Grein, S. 35, in: Die Wachaubahn – 100 Jahre Schienenverkehr im Donautal, Spitz 2009.

(5) G. Schramayr, Landschaft im Wandel, S. 50 (S. 47-52), in: Arbeitskreis zum Schutz der Wachau (hrsg.), Wachau – Perspektiven einer europäischen Flusslandschaft, Krems 1995.

(6) W. Posch, Clemens Holzmeister – Architekt zwischen Kunst und Politik, Wien/ Salzburg 2010, S. 301.

(7) H. Hirtzberger/ J. Mayer, Der Donauausbau im Spannungsfeld der Interessen, S. 122 (S. 122-128).